Nach unserer Rückkehr aus den USA Ende Oktober waren wir noch lange in Wüstenstimmung und voller Freude über die schöne Zeit mit unseren Freunden. Es hat eine Weile gedauert, bis wir wieder unseren Rhythmus und neue Ziele gefunden haben. Im November begann dann schon unsere Skisaison und seitdem sind wir fast jedes Wochenende im Schnee. Rio macht grosse Fortschritte beim Fahren und wir sind ihm eigentlich immer zu langsam. Couchpotato Rosa würde lieber zu Hause bleiben, statt Ski zu fahren. Aber sie muss jetzt auch in Rios Skiclub. So schlimm kann es nicht sein, denn Abends nach dem Skifahren ist sie immer bester Laune. Ein paar Impressionen vom Start der Skisaison.
Saisonstart in Adelboden Elsigenalp Grindelwald mit Mel und Ilari Eiger mit Holm und Heide Männlichen Gantrisch Nüneneflue, Gantrisch Langlaufen am Gurnigel Gurnigel Lawinen auslösen Brezeln malen am Gurnigel Gantrischkette Waldexpedition
Heute war ein besonderer Tag. Denn wir kletterten unsere erste gemeinsame Mehrseillängenroute. Um 9:28 stiegen wir in den Zug, um an den Fuss des Stockhorns zu fahren und dann mit der Seilbahn zum Gipfel. Ein kurzer Abstieg führte uns zum Westgrat, den Beginn der Route. Rio am grünen Halbseil, Rosa und Grit am orangenen, ich bin vorgestiegen, teils von Rio gesichert. Die Tour führte über 9 kurze Seillängen zum Gipfel des Stockhorns. Die schwerste Seillänge war 4b, der Rest Zweier und Dreier. Rio und Rosa hatten beide grossen Spass und an den teilweise recht ausgesetzten Passagen auch ein wenig Angst. Rosa war oft noch ein wenig verträumt und sich der Höhe und Ausgesetztheit nicht bewusst. Dafür kletterte sie schnell und effektiv. Rio merkte man seine wachsende Erfahrung und Bewegungsintelligenz an, denn er kletterte auch die schwierigen Passagen sicher und ruhig. Aber er sagte auch, dass er Angst habe, wenn der Grat links hunderte Meter steil abfiel und die Höhe spürbar war. Zum Glück war die Kletterei meist so leicht, dass er schnell wieder Selbstbewusstsein gewann und fast schon hochsprintete. Beim letzten Stück bis zum Gipfel hatte ich den Routenverlauf etwas verloren, da es keine Bohrhaken mehr gab und der Grat nicht wie die leichteste Passage aussah. Nach ein paar Mal Vor- und Zurück standen wir auf dem Top. Ein unvergessliches Abenteuer mit unseren zwei tollen Kids.
Der Weissmies ist so ein typischer Berg, der früher meist mit Steigeisen und Pickel bestiegen wurde. Wenn wenig Schnee liegt und der Grat trocken ist, sind Joggingschuhe aber viel angenehmer und sicherer. Edi und ich hatten schon lange geplant vom Tal zum Gipfel und zurück zu laufen. Am Dienstag war das Wetter ideal und im Büro stand nur eine Betriebsfeier mit 500 Leuten an, womit meine Interessenabwägung klar ausfiel. Die 2500 Höhenmeter auf den Weissmies waren herrlich abwechslungsreich: von Lärchenwäldern über Alpweiden über Schotterfelder über Gneisgrate über Firnfelder zum Gipfel. Einfach fantastisch.
In der Rezeption des Zeltplatzes liegt eine durchgelesene Ausgabe der Zeitschrift „Grimper“. Auf der Titelseite steht: „Ceüse – das beste Sportklettergebiet der Welt“. Für mich ist Ceüse so etwas, wie das Matterhorn fürs Bergsteigen. Wenn ich jemandem erklären müsste, was Sportklettern ist, dann würde ich einfach ein Foto von Ceüse zeigen. Unser verlängertes Wochenende in Ceüse kann man so zusammenfassen: 500 Höhenmeter aufsteigen, klettern bis zur letzten Dämmerung, absteigen, kochen, essen, ausschlafen, repeat. Ziemlich simpel und saugut.
Wir haben sturmfrei. Die Kinder sind bei den Grosseltern in Dresden und Frohburg. Das ist auch mit Arbeiten fast wie Urlaub. Man fühlt sich wieder wie ein Mensch mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen. „Feierabend“ ergibt plötzlich Sinn. Musse statt müssen. Essen wenn man Hunger hat. Schokolade ohne Verstecken. Fluchen ohne Nachzudenken. Kurzum: das klingt nicht nach unserem normalen Leben. Das Wochenende nutzten wir daher gleich, um Freunde zu treffen und so exotische Sachen zu machen wie Kochen, Laufen, Klettern, Schlafen.
Auf meiner Hausrunde kann man leicht über die nächsten Laufrouten nachdenken. Mit diesem Foto bewerbe ich mich ausserdem als Influencer bei Instagramm. Seit langem sehen wir unseren guten Freund Dani wieder am Fels in Riffenmatt und anschliessend im Wasser.
Für eines bin ich Corona dankbar: ich habe wieder Laufen gelernt. Vor allem vor der eigenen Haustüre. Mittlerweile laufe ich jeden Mittwoch morgen, bevor die Kinder zum Mittagessen antraben. Und meist noch einmal am Wochenende. Die Auswahl an schönen Wegen ist fantastisch. Wenn man noch 15 Minuten zum Fusse der Voralpen fährt, führen herrlich einsame Pfade auf die Zweitausender zwischen Stockhorn und Gantrisch. Bisher bin ich ohne sportliches Ziel unterwegs. Ich geniesse einfach das beflügelnde Gefühl, immer entferntere und höhere Gipfel mit eigener Kraft und zu Fuss zu erreichen. Insgeheim fabuliere ich aber auch über grössere Bergläufe. Im Herbst etwa besuchen wir Paul und April in Tucson, Arizona. Direkt neben der Stadt befindet sich der Mount Lemmon, knapp 2800 Meter hoch, ein fast alpiner Gipfel, der über der Wüste thront. Das wäre ein schönes Laufabenteuer. Wieder direkt vor der Haustüre – von Paul und April. Ich glaube, sie waren begeistert, als ich ihnen von der Idee erzählte. Heute wäre ich noch nicht fit genug für die 2000 Höhenmeter und 35 Kilometer. Darum gehe ich mir am Mittwoch wieder etwas die Beine in unseren Hausbergen vertreten.
Simmental und Walliser AlpenStockhorn von Chatz u Mus aus gesehen